KICKERS Magazin 22 - page 32-33

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Gastspiel |
Blindenfußball-Bundesliga:
KICKEN OHNE ZU KUCKEN
Gastspiel
Die Kicker vom VSV und BFW Würzburg spielen Fußball, fünf gegen fünf, auf
Kunstrasen oder in der Halle. So weit, so gut. Das Besondere: Der einzige Spieler,
der etwas sieht, ist der Torwart. „Klingt unglaublich, funktioniert aber richtig gut“,
berichtet Würzburgs Nationaltorwart Enrico Göbel. „Der Ball ist mit Rasseln gefüllt
und dadurch für meine Mitspieler zu hören und zu orten“, erläutert der 33-Jährige. Seit
2010 spielt der IT-Lehrer des BFW Würzburg in der Blindenfußball-Bundesliga, seit
2012 ist er Torwart der Nationalmannschaft.
Blindenfußball wird in Deutschland erst seit dem Sommermärchen 2006 gespielt.
Etablierte Nationen wie Brasilien und England gaben bei einem Turnier und einem
Workshop in Berlin den Startschuss, die Blindenfußball-Bundesliga startete 2008. Von
Anfang an dabei ist der Würzburger Ansgar Lipecki, langjähriger Trainer des Würz-
burger Bundesliga-Teams. Der Sportlehrer sorgte dafür, dass neben Torwart Enrico
Göbel auchWürzburgs Stürmer Sebastian Schäfer zumNationalspieler berufen wurde.
ImNovember 2014 waren beide zur Weltmeisterschaft in Japan, imOktober 2015 lan-
deten sie mit Deutschland bei der Europameisterschaft in England auf Platz 6. Trotz
eines hart erkämpften 0:0 gegen den späteren Europameister Türkei, scheiterte man in
der Vorrunde an der Tordifferenz.
Wer in der Bundesliga als Feldspieler unter der Schwarzbrille mitspielen möchte, darf
zurzeit nicht mehr als 10 Prozent Sehrest haben. Aus Fairnessgründen spielen alle
Feldspieler mit Schwarzbrille und sehen einheitlich null und nichts, sind also komplett
auf ihr Gehör angewiesen. Der Athletik tut das keinen Abbruch: „Blindenfußball ist
rasant und körperbetont, nichts für Weicheier“, stellt Sebastian Schäfer klar. Großen
Respekt vor der Leistung seiner blinden Mitspieler hat auch der sehende Nationalkee-
per, der manchmal unter der Schwarzbrille trainiert: „Ich weiß aus eigener Erfahrung,
dass das Rennen ins Nichts eine Riesenportion Mut verlangt.“ Auch deshalb ist es nicht
immer leicht, neue Spieler zu gewinnen. Als Abteilung des Vitalsport-Vereins (VSV)
Würzburg waren Würzburgs Blindenfußballer bisher der einzige Blindenfußball-
Bundesligaverein in Bayern. Das Team, das immer interessierten Nachwuchs sucht,
trainiert im Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg in Veitshöchheim, einem Bil-
dungszentrum für blinde und sehbehinderte Menschen. Aufgrund des Einzugsgebiets
aus ganz Deutschland werden Spieler oft in Würzburg ausgebildet und schließen sich
später einem Verein aus ihrer Heimat an.
In die am 7. Mai startende Saison 2016 geht das Würzburger Team mit Unterstützung
aus München. Als bayerische Blindenfußball-Spielgemeinschaft macht man gemein-
same Sache mit den neu gegründeten Blindenfußballern des TSV 1860 München.
Die Würzburger „Routiniers“ - 2009 Vierter der Blindenfußball-Bundesliga, 2015 nur
Neunter - stehen den „Löwen“ als Mentor zur Seite und unterstützen bei der Entwick-
lung. „Das Ziel 3x2 der Kickers passt auch zu uns“, so Enrico Göbel. „Bei uns könnte
das Motto 3x1 heißen: In den nächsten drei Jahren wollen wir in der Blindenfußball-
Bundesliga wieder ein gewichtigeres Wörtchen mitreden.“
Begeistert ist der Diplom-Informatiker vor allem vom inklusiven Charakter der Sport-
art: „Das Tollste am Blindenfußball ist, dass blinde, sehbehinderte und sehende Men-
schen, Männer und Frauen, alt und jung in einem Team gemeinsam aktiv sind. Jeder
ist ein gleichberechtigter Teil der Mannschaft, das baut Brücken, die weit über den
gemeinsamen Sport hinausgehen.“
FACTS
• Der Torwart ist das sehende Auge seiner Verteidi-
ger, punktgenaue Kommunikation ist essentiell.
• Der Ball ist nicht nur rund – er hat auch Rasseln
und ist so hör- und ortbar.
• Die sogenannten Guides befinden sich außerhalb des
Spielfeldes, einer auf Höhe der Mittellinie, meist der
Trainer, der andere hinter dem gegnerischen Tor, als
wichtiger Bezugspunkt der Stürmer.
• Um Zusammenstöße zu vermeiden müssen Spieler,
die auf den Ballführenden zulaufen, deutlich „Voy“
rufen, was spanisch für „ich gehe/komme“ steht.
• Neben Mut und Vertrauen sind auch der Teamgeist
und Kommunikation essentiell, um in den zweimal
25 Minuten den Kunstrasen als Sieger zu verlassen.
• Im sehenden Fußball haben Spieler einen Vorteil,
die bei Dribblings nicht ständig auf den Ball
schauen müssen.
• Diese filigrane Ballkontrolle und das - im wahrsten
Sinne des Wortes – „blinde“ Verständnis sind der
Schlüssel zum Erfolg.
1 –
Gegen die Türkei erkämpfte das deutsche
Team in der Vorrunde ein 0:0, punkt-
gleich mit dem späteren Europameister
scheiterte das Weiterkommen nur an der
schlechteren Tordifferenz
2 –
Zweimal ging es für die beiden Würz-
burger Nationalspieler Sebastian Schäfer
(hintere Reihe, Dritter von rechts) und
Enrico Göbel (vordere Reihe, Mitte)
nach Japan – Highlight war die WM
2014 in Tokio
3 –
Alle zwei Jahre gibt es in Würzburg das
Sportfest NoLimits. Hier ist Mitmachen
angesagt: Neben vielen spannenden
Sportarten gibt es auch Blindenfußball
zum Ausprobieren
4 –
Deutschland gegen England – ein
Klassiker auch im Blindenfußball
KONTAKT
Anmeldung und nähere Informationen
bei Enrico Göbel, stellvertretender
Vorsitzender des VSVWürzburg,
unter
Alles Wissenswerte über die
Würzburger Blindenfußballer
unter
MITMACHEN ERWÜNSCHT
Wer Blindenfußball ausprobieren möchte, hat
mehrere Möglichkeiten, den faszinierenden
Sport jeden Montag ab 18 Uhr im BFW
Würzburg live zu erleben:
• Für Sportstudenten der Universität Würz-
burg bieten wir zweimal im Jahr ein Uni-
Seminar „Blindenfußball“ an
• Vereine, Firmen und Privatpersonen kön-
nen das Seminar Blindenfußballtraining
buchen, das gleichzeitig ein Teambuilding-
Seminar für Teams und Führungskräfte ist
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BLINDENFUSSBALL – WIE GEHT DENN DAS?
TEAM BESTEHT AUS:
4 blinde Feldspieler
1 sehender Torwart
HANDBALLTORE
GUIDES
(sehende Unterstützer)
HÜFTHOHE BANDE
40 m
20 m
Blindenfußball
TEAM
Würzburg
1...,12-13,14-15,16-17,18-19,20-21,22-23,24-25,26-27,28-29,30-31 34-35,36-37,38-39,40-41,42-43,44-45,46-47,48-49,50-51,52-53,...100
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